Solange sich die Flügel drehen ...

Mühlenleben in Marzahn-Hellersdorf

Ausstellung im Bezirksmuseum Marzahn-Hellersdorf vom 12.Mai 2014 bis Ende April 2015

Alt-Marzahn 51   12685 Berlin

Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 10-17 Uhr, Sonntag 11-17 Uhr, Feiertage geschlossen

www.museum-marzahn-hellersdorf.de

20 Jahre Bockwindmühle in Marzahn

Das Dorf Marzahn ist bereits seit 1815 Mühlenstandort. Die erste Mühle entstand südöstlich der Siedlung neben einer kleinen Erhöhung. 1899 kam die Familie Triller nach Marzahn und pachtete den 1873 errichteten Nachfolgebau.Bereits vor dem zweiten Weltkrieg wurde durch Richard Triller eine Windkraftanlage zur Stromerzeugung errichtet und 1945 gelang die erfolgreiche Einspeisung von Drehstrom in das öffentliche Stromnetz. Die heutigen Windkraftanlagen funktionieren nach diesem damals entwickelten Grundprinzip.

 

Mühle zum Marzahner Erntefest 20121982 beschloss der Ostberliner Magistrat  den Neubau einer Windmühle im Rahmen der Neunutzung des Dorfkernes Alt-Marzahn als Agrar- und Handwerksmuseum für die östlichen Stadtbezirke. Diese Planungen ließen sich aber nicht verwirklichen, weil niemand eine Mühle nach Berlin verkaufen wollte. So kam es erst 1993 zum Bau der jetzigen Mühle, die am 12. Mai 1994 als betriebsfähige museale Bockwindmühle eingeweiht wurde. Sie dient heute als schulische Einrichtung und wurde 1997 erstes Mühlen-Standesamt in Berlin und Brandenburg.

 

Jürgen Wolf der Marzahner MüllerSeit dem Beginn des Aufbaus der Mühle 1993 ist der gelernte Müller Jürgen Wolf hier tätig und von Anfang an war er bemüht, die damals nur in Teilen bekannte Mühlengeschichte Marzahns mit Hilfe von Flur-, Grund- und Kirchenbüchern näher zu untersuchen und festzuhalten. So war es ihm auch möglich, bei einer gezielten Grabung am alten Mühlenstandort einen schweren Fundamentblock vom Windkraftwerk aus dem Jahre 1912 zu bergen und an der heutigen Mühle als Anschauungsstück zu präsentieren. Die Kopie der Triebwerkswelle von 1948, gebaut nach dem Originalplan durch die Lehrwerkstatt der Knorr-Bremse Berlin-Marzahn, erinnert seit 2002 an die einstige Pionierleistung der Müllerfamilie Triller.

1997 wurde dem Müller Jürgen Wolf der Deutsche Mühlenpreis verliehen, im gleichen Jahr fand auch die erste Mühlenhochzeit in Berlin-Brandenburg statt.

 

Neue Flügel und HochzeitstreppeDurch zwei Sturmschäden mussten in den Jahren 1998 und 2006 die Flügel repariert oder verstärkt werden. Die Holzbalken des Flügelkreuzes wurden durch eine in Schweden gebaute Stahlkonstruktion ersetzt und von 2002 bis 2007 wurde die Fassade der Mühle neu gestaltet.

Seit dem Jahr 2000 erfolgen durch eine Windmessstation mit Generator, die gleich neben der Mühle aufgebaut wurde, kontinuierliche Windmessungen.

Durch Fleiß und handwerklichen Geschicks ist es dem Müller zu verdanken, dass zum Beispiel 2008 eine nebenstehende Mühlenhütte mit Backofen und Kindermühle entstanden ist. Sie dient als Lehrwerkstatt für Schüler. Hier können sie mit selbst gemahlenen Mehl Kekse backen und bekommen anschaulich das Handwerk eines Müllers vermittelt. 2009 erfolgte der Bau der Hochzeitstreppe. Eine wunderschön mit einem Rosenspalier angelegte Treppe. Seit 1997 fanden in jedem Jahr 30 - 40 Hochzeitszeremonien in der geheimnis-voll-romantischen Atmosphäre alter Technik statt.Nur durch den unermüdlichen Einsatz des Müllers gelingt es ihm, sich jedes Jahr den neuen Herausforderungen zu stellen. Vergangenes Jahr wurde die Mühle zweimal angehoben und durch das Einlegen von „Bandscheiben“ wurde die Drehbarkeit der Bockwindmühle wieder voll hergestellt. Im letzten Winter wurde die Mühle auch im inneren grundlegend instand gesetzt. Somit läuft die Mühle nun ruhiger und ist wieder viel öfter in Betrieb. Durch die umfangreiche Instandsetzung hat sich auch die Sicherheit und die Mahlkraft erhöht. Bio-zertifizierte Getreidekörner (Weizen und Roggen) werden mahlfertig angeliefert, zu Mehl vermahlen und an die UFA-Bäckerei Berlin-Tempelhof zur Weiterverarbeitung von Brot geliefert. Zu bestimmten Anlässen wie am Pfingstmontag dem deutschlandweiten „Mühlentag“ oder dem Marzahner-Erntefest wird auf der Mühle mit dem Mühlenmehl gebackenes Vollkornbrot verkauft. Kurz vor dem Jubiläum nahm der Müller einen mit Windkraft betriebenen Generator samt der dazu nötigen Transmissionen und einer historisch stilgerechten Marmorschalttafel nach dem Vorbild der alten Mühle von R. Triller in Betrieb. Als Teil der pädagogischen Arbeit können damit die Schwankungen der Windkraft verdeutlicht und die Mühle im Winter sogar etwas beheizt werden.Die Mühle öffnete  an 209 Tagen für Besichtigungen und konnte 2014 sogar 490 Führungen und über 11.000 Besucher vermelden.Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums fanden im Mai 2014 zwei öffentliche Mühlenfeste statt. Gleichzeitig gab eine Ausstellung im Dorfmuseum „Solange sich die Flügel drehen…“Einblick in die Mühlengeschichte des Bezirkes. Ein weiteres Mahlwerk speziell zur Herstellung von Weizenmehlen wird derzeitig eingebaut und soll zum Erntefest am 12. September 2015 in Betrieb gehen. Dann kann auch wieder der beliebte Vollkornweizengrieß zum Verkauf angeboten werden.Zur IGA 2017 in den „Gärten der Welt“ wird die Marzahner Mühle offiziell zur „IGA vor Ort“ ernannt. Dafür wird als zusätzliche Attraktion noch ein historischer Kollergang aufgebaut. Darüber werde ich dann sicherlich wieder berichten.

Ralf de Silva                                  27.03.2015