Ort der Besinnung - Gedenkstätte Opfer des Faschismus

Die Gedenkstätte auf dem Marzahner Parkfriedhof, Wiesenburger Weg

Meine Wege führen mich immer wieder über den Parkfriedhof am Wiesenburger Weg in Marzahn. Eine grüne Oase. Ein Ort der Besinnung. Gedenksteine in großer Zahl. Für die Gefallenen des ersten Weltkrieges. Für die Toten des zweiten Weltkrieges: jene, die im Bombenhagel umkamen, jene, die als Zwangsarbeiter in der Rüstungsindustrie an Ausbeutung, Hunger und Krankheit zugrunde gingen und auch jene, die im Kampf gegen den Hitlerfaschismus bei der Befreiung Berlins ihr Leben lassen mußten.

Sie sind Opfer des Faschismus wie die Sinti und Roma und die aktiven Antifaschisten, für die der Friedhof ebenfalls Gedenksteine trägt. Ich verharre vor den Steinen. Fragen tauchen auf. Immer wieder.

Ein Gedenkstein trägt die Aufschrift: "46 Menschen starben damit wir leben". Menschen ohne Namen. Wer waren sie? Wofür starben sie? Ich wollte es wissen. Die Gräberliste des Friedhofs weist ihre Namen aus, benennt Geburts- und Sterbedatum und auch die Todesart. Die heißt für fast alle: hingerichtet in Plötzensee.

Plötzensee in Berlin-Wedding in den Jahren von 1933 bis 1944. Sie sagt nichts über das Warum. Ich wollte es wissen. Ging in die verschiedenen Standorte des Bundesarchivs auf Suche nach den Anklageschriften und/oder den Urteilbegründungen. Nahm Einsicht in die "Todeskartei von Plötzensee", darin die meisten Namen derer, die die Gräberliste ausweist mit Personalien, der Bezeichnung der Straftat, die stets Hoch- oder Landesverrat hieß, die Aktennummer, das Einlieferungsdatum in Plötzensee und der Tag der Hinrichtung.

Lediglich für 13 der 46 Toten konnte ich weitergehende Unterlagen einsehen. Die Archive sind unübersichtlich, die Bestände verteilt auf viele Lagerstätten, alles in Umorganisation. Was ich fand, waren Auskünfte über 13 Schicksale.

Unter dem Gedenkstein ruht Josef Wittmann, ein Sozialdemokrat. Ihm und 21 anderen wurde der Prozeß wegen Hochverrat gemacht. Eine Gruppe antifaschistisch gesinnter Menschen aus dem Raum zwischen Augsburg und Ulm. Sie kannten sich aus dem Vereinsleben in der Weimarer Zeit und hielten auch in der Nazizeit zusammen. Wittmann sammelte Informationen aus dem Betrieben, leitete sie an den emigrierten Sozialdemokraten Baur in die Schweiz mit dem Ziel weiter, seiner Parteiführung über Lage und Stimmungen der Menschen in Nazi-Deutschland Auskunft zu geben. Er wurde am 17. Juli 1942 im Alter von 42 Jahren hingerichtet.

Unter dem Gedenkstein ruhen Dr. Felix Bobek und Gerhard Diehl, zwei Kommunisten. Sie bekamen mit drei weiteren Mitgliedern ihrer illegalen Gruppe den Prozeß wegen Hochverrat für ein gleiches Tun. Sie trugen Nachrichten aus Betrieben zusammen, fanden ein fotomechanisches Verfahren für einen unauffälligen Transport der Informationen an ihre Parteiführung in Moskau. Beide wurden am 22. Januar 1938 in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Andere haben das Hitlerregime durch Zusammenarbeit mit Geheimdiensten anderer Länder bekämpft. Unter den 46 Hingerichteten sind Menschen allen Alters, zwei waren bei ihrer Enthauptung noch keine zwanzig Jahre alt. Die Gründe waren nicht zu ermitteln. Vier Frauen liegen unter dem Stein. Auch ihre Akten waren nicht zugänglich.

Drei ehemalige Flieger vom Fliegerausbildungsregiment Salzwedel fanden unter dem Stein ihre letzte Ruhe. Alle am gleichen Tage, dem 11. März 1941, hingerichtet. Wofür? Wo? Hatten sie einen Prozeß? Unterlagen konnten bisher nicht ermittelt werden.

Viele Fragen bleiben offen. Doch die 46 Toten sind für mich nicht mehr namenlos. Etwas Licht konnte ich auf ihr Leben werfen.