Die Schule brennt !

Erinnerungen Nr. 3 von Fritz Neuendorf junior

Was waren wir Kinder sauer, wenn wir bei den nächtlichen Fliegerangriffen aus Sicherheitsgründen wegen der herabfallenden Splitter der Abwehrgranaten nicht bei den Erwachsenen auf der Terrasse stehen durften! Es sah so schön aus. Die sich kreuzenden Lichtstrahlen der Flakscheinwerfer, wenn sie einen Bomber anvisiert hatten.
Die Leuchtspurgarben der Luftabwehr, die Lichtblitze der Explosionen der 8,8 und 10,5 cm Granaten der Flak, die „Weihnachtsbäume“ (Leuchtmarkierungen am Himmel von voraus fliegenden Pfadfindermaschinen (Moskitos) für die Bomberpulks, die vielfach von eiligst schlecht ausgebildeten Piloten gesteuert wurden. Wie schön sah ein getroffenes brennendes abstürzendes „feindliches“ Flugzeug aus. Ohne das richtige Verständnis und eine bewusste Einstellung zu dem Zeitgeschehen, haben wir die Kindheit gelebt.

Nähe Bahnhof Marzahn an der Landsberger Chaussee stand ein dreistöckiger Einheits- Luftschutzbunker. Ihn aufzusuchen, war für die Bevölkerung keine Pflicht. Die inneren Kabinen, mit dreistöckigen einfachen Betten ausgerüstet, waren den Nazigrößen und ihnen genehmen Menschen zur Übernachtung vorbehalten. Meine Eltern und Geschwister sowie die in unserem Hause lebenden Fremdarbeiter gingen dort nicht hin. Für uns Kinder war es aber ab und zu interessant und abenteuerlich.
Wenn die Stromversorgung ausfiel, musste mit riesigen handbetriebenen Ventilatoren für die Belüftung gesorgt werden. Stolz waren wir, auch einmal die großen Kurbeln drehen zu dürfen. Es war sehr mühsam und nur von kurzer Dauer.

Ganz Groß- Deutschland war für die Luftabwehr in Planquadrate eingeteilt worden. Senk- und waagerecht war am Rand das ABC eingetragen. Durch eine Kabelverbindung vom Telefon, das wir hatten, zum Radio, konnten wir den militärischen Drahtfunk mit abhören. Wenn die Stimmer ertönte“: Feindlicher Bomberverband im Anflug Hannover/ Braunschweig oder Planquadrat Gustav/ Heinrich“, oder so ähnlich, dann wussten wir, nicht mehr lange, dann heulen die Sirenen erst Vor-, dann Vollalarm. Erleichtern war dann nach dem Bombardement der Ton der Entwarnung. In den letzten Monaten vor Kriegsende gab es nur noch Vor- und Vollalarm, keine Entwarnung, da die Fronten immer näher rückten und Groß- Deutschland immer kleiner wurde.

Das, was sich jeder Schüler wünscht: “Hurra, die Schule brennt“, habe ich miterlebt.Anfangs 1945 war die „9b.“ Volksschule Berlin- Weißensee in der Dingelstädter Straße, ein aus Holz bestehendes Baracken ähnliches Gebäude, bei einem Luftangriff bombardiert worden und total abgebrannt.
Zu unserem Leidwesen dauerte es aber nicht lange, so wurden in nahe gelegenen Wohnungen Ersatzunterrichtsräume eingerichtet. Vielfach wurden aber nur Hausaufgaben verteilt. Das ging so bis Kriegsende. -

Meine Eltern hörten im Krieg nachts, das strengstens verboten war, den Londoner Sender „BBC“, um, sich, entgegen der Propaganda von Goebbels, über die wahre Lage des Kriegsverlaufes zu informieren.
Sie erfuhren z.B. dadurch, dass das deutsche U- Boot, auf dem mein Onkel Techniker war, 1943 von den Engländern in der Meeresenge von Gibraltar aufgebracht worden war und er überlebend in Gefangenschaft geraten war.
Ein in unserem Hause mit seiner Frau lebender französischer Fremdarbeiter, der dem Faschismus gedanklich nicht fern stand, muss wohl von der am Wohnzimmer gelegenen Terrasse das markante Senderzeichen, trotz leise gestellten Rundempfänger, mit gehört und eine Anzeige gemacht haben.
Mein Vater wurde vom Marzahner NSDAP- Ortsgruppenleiter Reichert vorgeladen. Sie kannten sich von früher vom Männerchor in Marzahn. Er sagte: „Fritze, diesmal lasse ich es noch durchgehen. Das nächste Mal kann ich dir nicht mehr helfen.“ Er zeriss die Anzeige.
So wie viele PGs, war auch er von der Besatzmacht verhaftet worden, nach Sachsenhausen verbracht und dort gestorben.
Die Sieger hatten u.a. den Nazi D. verhaftet und ihm versprochen, wenn er noch andere Nazis verraten würde, käme er frei. Er wurde trotzdem auch eingesperrt und ist auch gestorben.

Autor: Fritz Neuendorf

Fritz Neuendorf, Jahrgang 1934 ist der Sohn des ersten Marzahner Schuldirektors nach dem Krieg