Fahrrad unter Strom

Erinnerungen Nr. 4 von Fritz Neuendorf junior

Es war einige Wochen vor den ersten Friedensweihnachten 1945.Da hielt vor dem Grundstück meines Elternhauses in Marzahn ein Jeep der sowjetischen Streitkräfte. Heraus stieg ein Soldat der unteren Dienstgrade und verlangte, meinen Vater zu sprechen. Im gebrochenen Deutsch befahl er: „Sofort mitkommen!“ Das Fahrzeug fuhr mit unbekanntem Ziel davon. Meine Mutter weinte, wir Kinder weinten. Keiner wusste, was ist los, wie geht es weiter. Spät abends kehrte der gleiche Wagen wieder zurück. Heraus stieg, nein, wankte mein Vater mit recht starker Schlagseite. Er war sowieso durch seine einbeinige holzende Beinprothese behindert.

Was war passiert? Der in der russischen Kommandantur in Berlin- Friedrichsfelde für das Schulwesen verantwortliche Offizier wollte meinem Vater eine Freude bereiten und ihn in Vorfeld des Festes einladen. Den Nachmittag verbrachten die Beiden bei Speis und Trank, mehr aber Trank, und Unterhaltung. Zum Ende des Treffens schenkte der Offizier meinen ein Sack, gefüllt mit Brot, Speck, Zucker, amerikanische Konserven, usw., also alles leckere Sachen.

Mein Vater, von der Besatzungsmacht überprüft, war in der 13. Volksschule Berlin- Marzahn als Schuldirektor eingesetzt worden. Mit viel Engagement von ihm konnte der Schulunterricht schon in den letzten Tagen des Monats Mai 1945 wieder aufgenommen werden. Das wurde von den sowjetischen Zuständigen auch anerkannt. Wir Kinder halfen entsprechend unseren Kräften, so gut wir konnten. Die Schulräume mussten gereinigt und wieder mit Schulmobiliar bestückt werden, da die Rote Armee beim Vormarsch auf Berlin dort Quartier bezogen und sich entsprechend eingerichtet hatte.Aus den noch vorhandenen Schulbüchern wurden die Fotos von Hitler herausgerissen und mit nazistischem Gedankengut versehene Texte überklebt.

Hausmeister Herr Rasch überprüfte Wasser- und Stromversorgung.

Auf dem Schulhof war für den Luftschutz ein zickzackförmiger Splittergraben im Krieg gegraben worden. Beim Zuschütten stießen wir auf menschliche Knochen, da dort früher der Dorffriedhof gelegen war. Pietätlos spielten wir damit Fangball. –

Mein Vater saß zu Hause abends lange vor dem Steckstundenplan, um mit den wenigen älteren Lehrern, nicht alle durften weiter unterrichten, den Lehrunterricht für die folgenden Tage zu planen. Die Klassen waren mit Schülern überfüllt. Die Neulehrer, die dann so eingestellt wurden, mussten sich oft erst selber mit dem Lehrstoff der folgenden Stunden vertraut machen. -

Mit einem von Bauer Walter Stab freundlicher weise zur Verfügung gestellten LKW, mit Holzvergaserantrieb, fuhren wir zur Landsberger Allee, Nähe Alexanderplatz. Dort war ein Depot der ehemaligen Wehrmacht. Wir luden dort stapelweise ehemalige Blanko- Blocks, die für Notizen beim Funkverkehr gedient hatten. So hatte die Schule eine Weile Papier für die Schulaufgaben.

König war der mit dem größten Splitter oder sogar mit Teilen von abgeschossenen englischen oder amerikanischen Bombern.

Wir fanden aber auch Blindgänger von Stabbrandbomben. Äußerlich erkennbar waren diese an der sechseckigen Form. Der herausragende seitliche Zünder wurde von uns eingedrückt und wir hatten ca. 15 Sekunden Zeit, um uns vom Abbrennen der Magnesiumfüllung zu schützen. Spätere Ausführungen der Brandbomben waren aber mit einem Sprengsatz versehen und das war dann nicht mehr so gut. Wer uns gewarnt hatte, weiß ich nicht mehr. –

In den ersten Jahren nach Kriegsende wurde noch lange Fundmunition aus Berlin von den Bergungstrupps auf den Rieselfeldern bei Marzahn zwischen gelagert und von der Polizei bewacht. Ein- bis zweimal in der Woche wurde gesprengt, die Bewachung danach abgezogen. Wir Burschen zogen dann dorthin und sammelten die Munition, die nicht gesprengt oder vom Luftdruck verstreut war, auf. Dann machten wir unser eigenes Feuerwerk. Wir brachen z.B. von den Gewehr- Patronen die Kugeln ab und bauten aus dem gewonnenen Schwarzpulver Raketen, die aber nicht weit flogen. Aus einer defekten Hülse einer 8,8 cm Granate zogen wir die Makkaroni ähnliche Stangenpulver heraus, zündeten beide Enden und freuten uns, wenn es durch die Gegend wirbelte. Handgranaten und Tellerminen wurden von uns nicht berührt und demontiert.

Auf dem städtischen Friedhof in Marzahn, in der Nähe des Grabes meiner Eltern, war lange Zeit noch ein hölzernes Grabmal von vier Spielkameraden zu sehen, die beim Hantieren mit einer Tellermine dabei getötet worden waren. Inzwischen ist das Kreuz zerfallen.

Im Winter 1945/46 und danach besuchte ich eine Oberschule in Berlin Mitte. Diese war ausgebombt und war in einer Volksschule, in der Weinmeisterstraße, mit untergebracht. Der Unterricht fand aus der Raumnot heraus wechselseitig Vor- bzw. nachmittags statt.Im Winter hatten Schüler der oberen Klasse öfters Kurzschlüsse in der elektrischen Beleuchtung verursacht. Da Sicherungselemente Mangelware waren, fiel dann der Unterricht zu unserer großen Freude aus.Wir hatten nicht begriffen, dass wir nicht für die Schule lernen oder so ähnlich. Wir trieben uns dann auf den Alexanderplatz rum. Wie interessant waren doch so der schwarze Markt und die dort stattfinden Razzien.

Für die Schulspeisung waren abwechselnd die vier Besatzungsmächte von Berlin verantwortlich. Von den Sowjets gab es meistens „Borretsch“ sowie andere sättige wohlschmeckende Eintöpfe. Von den Amerikanern wurde überwiegend Suppe aus Keksen, Milchpulver und Marmelade zubereitet. Was von den Engländern oder Franzosen geliefert wurde, ist mir nicht mehr erinnerlich. Das Essen wurde aus Thermoporen ausgegeben. Wir stellten uns sofort essender Weise wieder an, um wenn noch vorhanden, einen Nachschlag zu erhalten, oder die Behälter aus zu kratzen.

Wir wurden vom „dom kulturi“(ehemalige Singakademie unter den Linden) eingeladen zu einem sowjetischen Film mit dem Titel „Der Luftfuhrmann“, der Episoden vom letzten Krieg beinhaltete. Anschließend war Diskussion, die von einem perfekt deutsch sprechenden sowjetischen Offizier geleitet wurde. Schüler der oberen Klassen, die früher in der Hitlerjugend waren und noch nicht so richtig begriffen hatten, dass 1. für Deutschland der Krieg vorbei und 2. verloren war, bemängelten, dass die deutschen Offiziere rundweg als unfähige Dummköpfe und Idioten dargestellt worden waren.

Dieser Offizier erklärte uns dass der deutsche Soldat als tapfer und widerstandsfähig anerkannt war. Es ging aber darum, dem einfachen sowjetischen Menschen zu erklären, warum ein Volk, dass einen Goethe und einen Schiller, einen Marx und Engels, ein hervor ragendes gebildetes Proletariat hervorgebracht hat, von der Hitlerei verführt worden war, diesen barbarischen ausrottenden Überfall auf die Sowjetunion mit zu machen. Diese gut ausgebildete Militärmaschinerie ist und muss besiegbar sein!

Übrigens, diese Schüler sind von der GPU nicht abgeholt worden. -

Mein Vater war als Kommunist in der Nachbarschaft bekannt und teilweise in der Nazizeit geschnitten worden. Seine Schwerkriegsbeschädigung aus dem I. Weltkrieg, als Unteroffizier einer Maschinengewehr Einheit, und gebrauchte Tätigkeit als Lehrkraft hat ihn die Nazizeit, bis auf die Strafversetzung von Berlin- Biesdorf nach Berlin- Weißensee, überdauern lassen. Beim Einmarsch der Roten Armee war unser Haus mit Menschen gefüllt, die annahmen, sie leben hier sicherer. Wir hielten uns im Keller auf, da oben sich eine Stabseinheit von einer Artillerieeinheit einquartiert hatte. Abends zogen sich die Frauen und weiblichen Kinder auf den Spitzboden zurück und zogen die Leiter ein. Es war in unserem Hause in dieser Richtung nichts vorgefallen.

Es lebten damals mit uns, unseren Mitbewohner und Nachbarn, etwa 15- 20 Personen in unserem Hause.Es gab langsam Engpässe mit der Versorgung. Von einem in der Nähe getötetem Pferd wurden kräftige Fleischstücken herausgeschnitten und von den Frauen vorbereitet. In unserem mit Kohle befeuerten kupfernen Waschkessel wurde das Essen gekocht.Mein Bruder und ich, damals 15 und 11 Jahre alt, hatten aus dem Lebensmittelladen von D. Esswaren beschafft. Nach Krämerart waren diverse Lebensmittel in Schubkästen gelagert. Alle Kästen waren heraus gerissen, der Inhalt war, wer es auch immer war, auf die Erde ausgeschüttet.. Mit Müllschippe und Handfeger fegten wir das Zeug zusammen, Zucker, Gries, Mehl, Haferflocken usw., bunt durcheinander, und schippten es in die Behälter. Ab damit nach Hause und daraus wurden u.a. Suppen gekocht.

Vor der Bäckerei H. hatte die sowjetische Armee eine Feldbäckerei entfaltet, da die deutsche Anlage nicht einsatzbereit war. Auf einen Fahrradanhänger, die Räder verbogen sich beinah, luden wir, von hinten über den Garten uns an das Gebäude heranschleichend, zwei Brotmehlsäcke auf und fuhren nach Hause. Ein Sack wog zwei Zentner! Wie wir das aufgeladen hatten, weiß ich nicht mehr, wir haben es aber gepackt! Die Menge reichte zur Versorgung aus, und noch lange konnte Mutter morgens zusätzlich eine Tasse Suppe für die Familie zubereiten, immerhin 7 Personen.

An einem Abend verlangte ein besoffener Rotarmist von meinem Vater: „Wo Frau?“ Und trat ihm dabei gegen das hölzerne Schienbein. Mein Vater wankte, stand aber. Der Soldat war stark irritiert und verschwand sogleich.Wenn meine Mutter, damals 34 Jahre alt, über die Straße musste, hatte sie meine fast einjährige kleine Schwester auf den Arm genommen. Russische Soldaten tätschelten die Kleine, steckten ihr Speckstückchen und Süßigkeiten in den Mund und es passierte nichts.

Der Kommandant von Marzahn hatte dem Männe Rasch, Sohn des alten Rasch, befohlen, vom extra stehenden Trafohäuschen des Bunkers eine Stromversorgung für die Kommandantur zu schalten. Die Stahltür des Gebäudes war geöffnet, M. stand auf eine zur Isolierung dienende Holzplatte. Nebenan lehnte sein Fahrrad, das mit einem russischen Signum als Dienstrad gekennzeichnet war. Ein Rotarmist zu Fuß kam vorbei und dachte, warum soll ich laufen und wollte das Rad ergreifen. M. versuchte es fest zu halten. Sie zogen hin und her. Da griff M. in eine unter Spannung stehende Sicherung, sodass, er stand ja auf der isolierende Platte, der Strom weiter geleitet wurde. Der Soldat, da er geerdet war, erhielt einen elektrischen Schlag, den er überstand und verschwand. Am nächsten Tag machte der gleiche Soldat, als er M. unterwegs traf, einen weiten Bogen um das elektrisierte Fahrrad.

Autor: Fritz Neuendorf

Fritz Neuendorf, Jahrgang 1934 ist der Sohn des ersten Marzahner Schuldirektors nach dem Krieg