Helfer im Kinderferienlager

Französische Kinder im Erzgebirge

Ich war  einige Male als Helfer im betrieblichen Kinderferienlager dabei.

Im Jahre 1963 hatte mein damaliger Betrieb erstmalig französische Kinder in dem Ferienobjekt im Erzgebirge zu Gast.

Die Kinder, Jungs und Mädels, im Alter von 10 bis 14 Jahren, kamen aus dem 13. Bezirk  von Paris. Es waren Kinder von französischen  Kommunisten.

Diese jungen Menschen waren in die damalige DDR gekommen, beseelt von dem Gedanken, in eine neue und bessere Welt gekommen zu sein.

Sie waren der Meinung, Demokratie bedeutet, absolute Freiheit.

So morgens beim Aufstehen, beim Sport, beim Waschen usw., kann jeder machen, was er will.

In meiner Gruppe, die etwas Älteren, war  ein 14 Jähriger, der Älteste. Er war der "grand- père. So trat er auch auf. Langsam, abgeklärt, erhaben über die täglichen Dinge.

In den ersten Tagen jeden Morgen  das selbe Ritual: Hallo,  Aufstehen usw.. Die Reaktionen sehr verhalten.

Eines morgens lies ich ihn liegen. Kein Wecken, kein Frühsport, kein Waschen.

Die anderen Kinder tuschelten schon. Wir waren schon beim Frühstücken. Da kam er. Ungewaschen und wollte sich zum Essen setzen. Hunger war immer vorhanden, Kaffee mit sehr viel Zucker.

Ich sagte zu ihm, "une moment". Ich ging mit ihm auf den Hof, machte Frühsport und dann in den Waschraum. Erst dann gab es Frühstück. Die Kinder lachten ihn aus.

An den restlichen Tagen des Durchganges gab es keine Schwierigkeiten mit der Disziplin.

 

Der Betrieb war ein Werk der sowjetischen Armee.

Zu Besuch kam eines Tages ein sowjetischer Offizier vom Trägerwerk. Da war was los! Ein richtiger Russe! Die Kinder umdrängelten ihn. Von seiner Uniformjacke waren fast alle metallenen Knöpfe als Souvenir entfernt worden.

 

Ich hatte  Aufsicht bei der Morgentoilette und kam mit etwas Verspätung an die Tafel. Ich setzte meine Kaffeetasse zum Trunk  an. Das Getuschel hörte auf, alle starrten auf meine Tasse und meine Mimik. Nanu, dachte ich und roch am Rand. Aha, Essig im Kaffee. Ohne die Miene zu verziehen, trank ich aus. Ich bemerkte,  die Kinder gestikulierten zu meinem Gegenüber,  ob er nichts gemacht hätte. Es war für mich klar, wer es war.

Am nächsten Morgen, das selbe Bild. Ich schickte den "Täter" unter einem Vorwand  aus dem Raum. Ich tauschte die Tassen aus. Der Erfolg war verblüffend.

Die Festlegungen von der Gewerkschaft hatten sich geändert. Anfangs konnten die Kinder uns noch mit Onkel oder Tante ansprechen. Nun mit Herr und Nachahme.

Eines abends, ich hatte Spätaufsicht, rief mich eine piepsige  Mädchenstimme an ihr Bett. Ich nahm an, sie hätte Heimweh, was ja auch vorkam. Nein, sie fragte mich leise, ob sie meine Freundin sei.  Ich sagte ihr, dass darf sie aber Keinem sagen.

Am nächsten Tag  wusste das ganze Lager über unser "Verhältnis" Bescheid.

Autor: Fritz Neuendorf

Fritz Neuendorf, Jahrgang 1934 ist der Sohn des ersten Marzahner Schuldirektors nach dem Krieg