Museumswohnung Hellersdorf

"WBS 70" es war einmal vor langer Zeit...

Auch das Platten-Museum lässt keinen Zweifel:
Wir sind ein Volk!


Wer hätte das gedacht? Nackte Betonplatten, auffällige Ornament-Tapeten, der Colorett-Fernseher, ein Velourssofa, die Schleizer Schrankwand, ein Foron-Kühlschrank, mongolische Teppich-Knüpfkünste, Leuchten aus volkseigener DDR-Produktion und vieles mehr, was ehedem ostdeutsche Kochnischen oder Wohn- und Schlafzimmer geziert hat, lässt die Kasse klingeln. Ein Euro für ein paar Momente im Hellersdorfer Refugium ist offenbar nicht zuviel. Jedenfalls kann sich das „Wohnungsmuseum WBS 70“ der STADT UND LAND/WoGeHe über Mangel an Besuchern nach wie vor nicht beklagen.

 

WBS 70 Wohnzimmer Berühren noch erlaubt!Viele Neugierige kommen aus nahe liegenden Gründen hauptsächlich aus dem Wuhle-Bezirk. Sie sehen genau hin. Ist da vielleicht noch ein Etikett oder ein Warenzeichen an der Rückwand? Kommt das Service etwa aus Kahla? Die Uhr  aus Glashütte? Vorsichtig, fast respektvoll streicht man über die Furniere von Tisch und Schrank und prüft, ob die Tapeten auch wirklich genau so rau sind wie vor 20 Jahren. Eher herablassend wird die Spanplatten-Trennwand in der Küche abgeklopft. Auch die Einrichtung der Nasszelle wird nun - keine Kunst - aus historischer Distanz belächelt. Der Plasteknauf des Schwenkhahns muss fast zwanghaft betätigt werden. Tatsächlich, es kommt noch immer Wasser raus! Wenn das so weiter geht, wird der Kustos vielleicht bald ein paar Schildchen aufstellen: Bitte nicht berühren! Dabei wissen die Hellersdorfer, Marzahner, Lichtenberger, Hohenschönhausener und woher sie auch immer kommen mögen, dass wohl kein DDRler in einer so zusammengestoppelten Wohnung auch nur eine Nacht zugebracht hat. Ein bisschen mehr Geschmack hatte man schon!
Das kenn’ ich doch!Trotzdem zeigen sich die Ostbesucher in ihrer Mehrzahl doch beeindruckt. Hier sind zweifellos eine ganze Menge Emotionen im Spiel. Ob das gut ist? Man sieht doch schon mahnende Zeigefinger. Könnte ein undifferenzierter, voyeuristischer Blick in ein DDR-Schlafzimmer nicht zu falschen, verklärenden Schlüssen führen? In der Hellersdorfer Museumswohnung besteht diese Gefahr Gott sei Dank nicht.
Sei’s wie es sei. Nach dem Willen derer, die die Museumswohnung eingerichtet haben, soll sie auch ein historisches Kapitel deutscher Wohnkultur nacherlebbar machen. Das ist wohl gelungen! 

Wohnzimmeruhr Die 3-Zimmer-Wohnung, 1986 fertig gestellt vom VEB Wohnungsbaukombinat Cottbus, ist bis auf wenige Details in ihrem Urzustand. Schon vergessen? Die Zimmertüren sind Konstruktionen aus Pappwaben und Holzrahmen, Duroplastdrücker und Folie in Holzdekor. Man schreitet über schall dämmende Filz- oder PVC-Spannteppiche. Wände und Decken zieren Leimfarben-Tapeten entweder in Blümchen-Design oder dezenter Musterung. Die Fenster sind aus Holz und ummantelt mit Plaste, zu öffnen per PVC-Griff. Als Fensterbänke dienen schmale Leichtbetonplatten.  
Natürlich besteht auch die gesamte Einrichtung nebst „1000 kleinen Dingen“ aus Originalen. Dazu gehören Mobiliar, Unterhaltungselektronik, Geschirr, kunstgewerbliche Accessoires, Alltagskunst, Küchengeräte, Bettwäsche, Gardinen, Lampen, hoffnungslos überlagertes Freitaler Kloß + Puffermehl zu 1,70 Mark, Pudding-Pulver und Rote Grütze von Rotplombe und vieles mehr. In der Plattenbar stehen bekannte Titel unter anderem von Chris Doerk („Was erleben“), Karel Gott („Babicka“),  dem Michaelis-Chor („Blau ist die Nacht“) und Roland Neudert („Nimm’s nicht so schwer“).
Das Wohnzimmer ist ebenfalls in gebrauchsfähigem Zustand; komfortabel ausstaffiert – und zwar durchweg mit Möbeln, Lampen, Sesseln und so weiter aus volkseigener Produktion. Auf der grünen Velours-Couch saßen schon der Regierende Bürgermeister Wowereit und Finanzsenator Sarrazin. Die Schrankwand, Modell „Favorit“, wurde einst im VEB Möbelwerke Naumburg hergestellt, und der Chromat-Farbfernseher lief beim RFT Staßfurt vom Band.Er funktioniert natürlich noch und liefert, wenn auch ein wenig blaustichig, noch Bilder der aktuellen Welt.

 

 

Schlafzimmer Den typischen Besucher übrigens gibt es nicht. Statistisch gesehen ist „er“ oder „sie“ zu ungefähr 60 Prozent  Ossi, zu 35 Prozent Wessi. Der „Rest“ sind Ausländer. Interessanterweise und nicht ganz erklärbar kommen in beinahe regelmäßigen Abständen Praktikanten, Studenten und Journalisten aus Japan. Fernsehteams aus dem fernen Osten haben Features produziert. In Tokio ist kürzlich eine Broschüre über das alte und neue Deutschland erschienen – natürlich mit einem ausführlichen Kapitel über die „Museumswohnung WBS 70“. Manche Besucher waren übrigens schon zweimal da. Was nicht weiter verwundert, denn es gibt immer etwas Neues zu sehen. Regelmäßig kommen historische Originale hinzu. Ziemlich kuriose Sachen mitunter; zum Beispiel ein Toiletten-Täschchen von der INTERFLUG und Toiletten-Papier aus dem VEB Papierfabriken Heiligenstadt (Das selbst bekennende DDR-Bürger gelegentlich in tiefe Zweifel gestürzt hat!). Viel Vertrautes muss indes schon in den Schränken verstaut werden, weil das Museum fast schon aus den Nähten platzt.

 

Museumswohnung „WBS 70“
Hellersdorfer Str. 179
12627 Berlin
(U 5 Cottbusser Platz, Bus 195)
Eintritt:  1 €/0,50 € Schüler


Sonntag:  14.00 bis 16.00 Uhr
oder jeder Zeit nach Absprache unter
Tel.:  0151 161 144 40