Das Panjepferd

Erinnerungen von Fritz Neuendorf

Am 21 . April 1945 morgens waren die Spitzen der erfolgreichen Roten Armee im Vorort von Berlin, nämlich Marzahn, eingedrungen.
Der Widerstand der "ruhmreichen Wehrmacht", bestehend aus verführten HJ- Jugendlichen und Volkssturmmännern war nicht sehr groß, sodass keine großen militärischen Aktionen auf dem Marzahner Gebiet stattfanden. Am Marzahner Bahnhof wurde mit  "uuhhräää" der russischen Infanterie ein MG- Nest der HJ gestürmt und eliminiert, die hölzerne übergangsbrücke für Fußgänger flog durch eine sinnlose Sprengung in die Luft.
Die am nördlichen Rand der Kolonie "Neuland Ost" auf einer Weidenanpflanzung eingegrabene 8,8 cm Flak (Fliegerabwehrkanone)  zur Erdbekämpfung und Panzerabwehr eingerichtet, gab einen Schuss Richtung Dorf ab. Dann verschwand die Bedienung, die sich schon im voraus Zivilsachen besorgt hatte, Richtung Friedrichsfelde.
An der Landsberger Allee, Höhe des Werkes "Hasse & Vrede", war eine Barrikade von der Zivilbevölkerung errichtet worden. Die war in Ergänzung des Panzergrabens gedacht. In der Lücke als Sperrriegel eingeschobene Schneereinigungsgeräte wurden von russischen Panzern "T 34" kurzer Hand weggeschossen und der Weg zum Zentrum Berlins war frei. Ein langer Panzergraben war auch mit Hacke und Spaten zur Verteidigung der Hauptstadt gegraben worden. Alle Zivilisten, hauptsächlich Frauen und Kinder, mussten schon lange vor dem Einmarsch der Roten Armee ran, sonst wurden die Lebensmittelkarten gesperrt.
In meinem Elternhaus wurde ein russischer Stab eingerichtet. Wir lebten im Keller. Mein Vater, der als Lehrer englisch, französisch und etwas russisch sprach, hatte mit einem Oberst des Stabes, der im Zivilberuf auch Lehrer war und etwas deutsch konnte, längeren Kontakt. Die Truppen marschierten weiter Richtung Berlin. Nach Beendigung der Kampfhandlungen
erschien nach Wochen mit einem Jeep ein russischer Soldat und forderte meinen Vater auf, mitzukommen. Mein Bruder, damals 15 Jahre alt und ich fuhren mit. In der Nähe von Bauer Dahme auf einer Wiese hatten russische Soldaten Biwak bezogen. Da war auch besagter Offizier, der mein Vater empfing und mit Essen und Wodka bewirtete. Sie unterhielten sich eine Zeitlang, dann musste die Armeeeinheit weiter. Der Oberst schenkte meinem Vater ein lebendiges Pferd, das "flastermüde" war. D. h., durch den Marsch auf den Berliner Straßen war es lahm geworden.
Panjepferd
Die Rote Armee war ja damals noch viel mit bespannten Versorgungsfahrzeugen, "Panje"-Wagen ausgerüstet. Mein Bruder und ich wollten nun das Pferd zu uns nach Hause bringen und mussten dabei durch die Kolonie "Neuland Ost". Wir konnten  ja nun durch den lahmenden Gaul nicht schnell gehen. Da kamen die Anwohner schon mit Messern und wollten uns das Pferd wegnehmen. um es zu schlachten. Wir konnten uns aber aus der Situation retten. Was sollen wir nun mit einem Pferd? Mein Vater gab es einem Bauern im Dorf Marzahn, wer weiß ich nicht mehr. Es dauerte nicht lange, da war die Herrlichkeit vorbei. Eine russische Streife hatte an Hand der eingebrannten Kennzeichen an den Hufen erkannt, das es Militäreigentum ist und nahmen das inzwischen gesund gepflegte Tier mit.
Zu einem weiteren späteren Kontakt war es mit dem Oberst nicht mehr gekommen.

 

Fritz Neuendorf, Jahrgang 1934, ist der Sohn des ehemaligen Marzahner Schuldirektors Fritz Neuendorf.