Wir hatten immer Hunger

Erinnerungen von Fritz Neuendorf

Es muss im Sommer 1947 gewesen sein. Die Roggenfelder in Marzahn waren von den Bauern mit Mähmaschinen gemäht worden, die Schwaden von Frauen mit Strohbinden manuell als Garben, auch Hocken oder Puppen genannt, gebunden und zum Trocknen aufgestellt. Das gehtrockene Getreide wurde mit hoch beladenen Leiterwagen auf die Höfe bzw. Druschplätze gefahren und in Dreschmaschinen, vielfach von einem Lanz- Bulldog über Flachriemen angetrieben, Stroh von den Körnern  getrennt.
Die Stoppelfelder wurden mit Pferde bespannten „Hungerharke“  abgeharkt, um möglichst viel Ähren aufzusammeln. Erntekombines wie heute gab es damals noch nicht.
Dafür die „Hungerharke“: auf seitlich angeordneten großen Metallräder, an einem Träger sichelförmige große kammähnliche Zinken.Hungerharke
   
Die Felder waren freigegeben zum „Stoppeln“. Das heißt, in gebückter  Haltung, den Boden ständig beobachtend, um noch einzelne liegend gebliebende Ähren mit der Hand aufzulesen und in einen Behälter zu machen.
Zu Hause wurde die Auslese zwischen den Händen solange gerieben, bis die Körner aus den Grannen herausfielen. Von Behälter zu Behälter ständig in den Wind haltend umgeschüttet,  wurde die letzte Spreu entfernt.
Mein Freund Alexander St. und ich hatte erfahren, dass im nahe gelegenen Dorf Ahrensfelde bei einem Bäcker für eine bestimmte Menge von Roggenkörnern, wohl für vier Pfund ein Brot,  dieses eingetauscht wurde.
Wir machten uns mit gefüllten Rucksäcken auf den Weg Richtung Ahrensfelde.

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Entlang des Schienenstranges des „schwarzen Zuges“.
Schwarze Bahn: Eine Vorort- Bahn, die von  Dampflokomotiven gezogen, vom  Wriezener Bahnhof als Ausgangsbahnhof (Nähe Schlesischen , jetzt Ostbahnhof, nicht mehr im Betrieb)), über Berlin- Lichtenberg, Marzahn, Ahrensfelde, Blumberg, Seefeld, Werneuchen, Tiefensee bis Wriezen führte. In meinen Erinnerungen fuhr die Bahn damals noch nicht.
Jedenfalls waren wir gelaufen. Wir kamen in Ahrensfelde an.
Zu unserer Überraschung und Freude wurde an diesem Tage für drei Pfund  Körner ein Brot eingetauscht. Ob noch Bargeld zugegeben werden musste, weiß ich nicht mehr. War auch nicht so wichtig, entscheidend war die eingetauschte Ware, nämlich Brot.
Wir hatten zusammen etwa 15 Pfund Roggenkörner, das heißt also, wir erhielten statt der Menge von vier ein ganzes Brot mehr, nämlich fünf Brote.
Stolz machten wir uns wieder auf den Rückweg per Pedes auf den Gleisen Richtung Marzahn.
Es war schönes Wetter. Die frischen Brote in den Rücksäcken dufteten verführerisch.
Und wir hatten immer Hunger.
Einer von uns beiden sagte, wenn wir uns von den Broten eine Scheibe, nicht zu dick, nicht zu dünn, abschneiden, werden die Eltern schon nicht mit uns schimpfen. Gesagt, getan. Ein Messer hatten wir Bengels immer dabei. Rucksack auf, Messer angesetzt und einen Brocken  abgeschnitten.
Auf die Schienen gesetzt, ohne Zubehör und Belag hatten jeder von uns im Nu sein Stück aufgegessen. Und es hatte geschmeckt! Ich habe heute noch den herrlich duftenden Geruch von   frischem Bäckerbrot in der Nase und das Gefühl, dem Magen etwas angeboten zu haben.
Wir erhoben uns und marschierten weiter.
Wir hatten immer noch Hunger und das Brot duftete immer noch verführerisch.
Nach noch einigen Halten, immer wieder eine Stück abschneidend und dann verzehrend, war der überzählige „Dreipfünder“ total aufgegessen. Zu Hause hatten wir von unserer Schandtat  nichts berichtet und es war gar nicht aufgefallen, dass die Menge nicht komplett war.
Erst viele Jahre später, in gesättigter fröhlicher Familienrunde, erfolgte das späte Geständnis.

Fritz Neuendorf, Jahrgang 1934, ist der Sohn des ehemaligen Marzahner Schuldirektors Fritz Neuendorf.