Dr. Günter Peters

Vorsitzender des Fördervereins für Regionalgeschichte

Zur Person:  Geboren 11.08.1928, Maurer, Architekt, Wirtschaftswissenschaftler, Bauhistoriker, Vorsitzender des Fördervereins für Regionalgeschichte e.V., wohnt in Biesdorf

Dr. Günter Peters ist in unserem Bezirk als Vorsitzender des Fördervereins für Regionalgeschichte sowie als Autor von Publikationen zur Heimat- und Baugeschichte ("Historische Stadtplanungen für den Berliner Nordosten", "Hütten, Platten, Wohnquartiere") bekannt. Auch über Marzahn hinaus machte er sich mit seinem Standardwerk "Kleine Berliner Baugeschichte" einen Namen. Dr. Peters hat als ehemaliger Stadtbaudirektor der Hauptstadt einen entscheidenden Anteil an der baulichen Entwicklung Berlins, besonders des Berliner Stadtzentrums als auch der Entwicklung der Neubaubezirke einschließlich Marzahns. Er ist Träger der Ehrenmedaille des Bezirkes Marzahn. Sein Lebensspruch ist: "Ich glaube, das Altern beginnt, wenn man keine Lust mehr hat, etwas dazuzulernen."

Linie 7: Herr Dr. Peters, wie lange wohnen Sie in Marzahn?

Meine Familie und ich wohnen seit April 1960 in Biesdorf-Nord im Getreideviertel und damit im Bezirk Marzahn. Mehr als die Hälfte meines Lebens ist "min Hüsing" in Biesdorf.

Linie 7: Wann kamen Sie das erste Mal nach Marzahn?

Meine erste Begegnung mit Marzahn erfolgte am 11.Mai 1954 während einer Fahrt von Rostock nach Berlin. Dabei aß ich Frühstück in der Konsum- Gaststätte, dem heutigen Landgasthaus. Es gab Räucheraal. Auch in den nächsten Jahren kehrte ich öfter zum Essen dort ein. Es gab fast immer Aal in vier Varianten: geräuchert, sauer, gebraten und gekocht. So wurde der "Marzahner Krug" für einen Mecklenburger interessant.

Linie 7: Seit wann waren Sie als Stadtbaudirektor in der ehemaligen DDR-Hauptstadt tätig?

Diese Aufgabe übernahm ich am 1.Januar 1966 und aus gesundheitlichen Gründen mußte ich 1980 aufhören. In diesen fast 15 Jahren wurden die Generalbebauungspläne 1968 und 1980 ausgearbeitet. Es entstanden das Stadtzentrum mit Fernsehturm, das Arbeitsstättengebiet Lichtenberg- Nordost, die Großwohnsiedlungen Fennpfuhl, Marzahn und Hohenschönhausen sowie die Planung für Hellersdorf.

Mit dem Modernisierungskonzept Arnimplatz mit 8.000 Wohnungen begann die "behutsame Stadterneuerung" in Berlin. Nach meiner Invalidisierung 1980 begann ich mich mit der Baugeschichte Berlins zu beschäftigen. Es gibt in diesen 18 Jahren 86 Publikationen, darunter die "Kleine Berliner Baugeschichte" mit fast 400 Seiten - ein Standardwerk.

Linie 7: Was dachten Sie, als man Ihnen die Aufgabe zum Aufbau des Neubaugebietes Marzahn gab? Wann war das konkret?

Die Standortauswahl begann 1972, die städtebauliche Planung wurde seit 1973 durchgeführt und die Primärerschließung folgte bereits 1974, danach die Erschließung der Wohngebiete ab 1975. Ab 1977 folgten Hochbauarbeiten.
Seit Mitte 1974 war ich auch als der erste Aufbauleiter tätig, das heißt für das Management für den Bau von 60.000 Wohnungen und 359 gesellschaftlichen Einrichtungen verantwortlich. Dies war die größte Herausforderung in meinem Leben. Bewältigt wurde diese Aufgabe durch den Fleiß und den täglichen Einsatz von 7.000 bis 8.100 Bauschaffenden von den Architektenbüros, den Tiefbauern, der Vorfertigung, dem Transport, der Montage, dem Ausbau bis zum Grünanlagenbau. Ihnen gehört der Dank und die Anerkennung.


Linie 7: Gelang es Ihnen, eigenen Vorstellungen und Verbesserungen durchzusetzen?

Die zentralen staatlichen Vorgaben, mit nur 44.000 Mark der DDR und neun Grundtypen im Wohnungsbau sowie 62.000 Mark der DDR und 13 Grundtypen für gesellschaftliche Einrichtungen zu bauen, waren eine "Zwangsjacke", die aber auch alle motivierte. Um 1980 betrugen die Kosten einer Wohnung in der westlichen Stadthälfte vergleichsweise bereits 141.108 DM. Hinzu kamen die Material- und Ausrüstungsprobleme. Sicherlich gab es auch Verbesserungen, die erkämpft werden mussten, wie die Wohnungsgrößen und -flächen. Sie betrugen in Marzahn um 69 bis 74 Quadratmeter und lagen um 7 bis 12 Quadratmeter höher als im DDR-Durchschnitt. Auch der Bau der Kollektoren/Sammelkanäle wurde trotz der höheren Kosten ertrotzt.

Linie 7: Wie denken Sie heute über die Ergebnisse Ihrer damaligen Arbeit?

Von 1977 bis 1990 entstanden 4,2 Millionen Quadratmeter Bruttogeschossfläche für 9,5 Milliarden Mark der DDR. Am Potsdamer Platz werden in 10 Jahren 0,65 Millionen Bruttogeschossfläche mit 8.0 Milliarden DM Investitionen gebaut.

Linie 7: Was mögen Sie am meisten in Marzahn seit der Vereinigung?

Das Bauen und Weiterbauen im Bezirk. Auch in Marzahn wurden Bauleistungen von 7,6 Milliarden DM erbracht=1x Potsdamer Platz. Marzahn bleibt die größte Bausttelle Berlins in den achtziger Jahren mit einer beachtungswerten Leistung. Marzahn als Neubaugebiet ist bereits Vergangenheit, als Sanierungs- und Stadterweiterungsgebiet hat der Bezirk jedoch auch heute eine Zukunft. Die Großbaustelle Potsdamer Platz ist Gegenwart und das wichtigste Vorhaben beim Zusammenwachsen der beiden Stadthälften zur Bundeshauptstadt.

Linie 7: Was gefällt Ihnen am Bezirk am wenigsten seit 1990?

Die oft langen Bauzeiten, die unkoordinierten Tiefbauarbeiten und das teilweise luxuriöse Bauen. Marzahn hat das größte "aufgrabefreie Gebiet" mit ca. 400 Hektar Fläche. Man muss das "Aufbuddeln" der Straßen und Wohngebietsflächen in diesem Gebiet verhindern. "Nicht Bauen" bringt in diesem Fall die größten Einsparungen.

Linie 7: Was würden Sie heute besser machen?

Besser machen kann man das wartungsarme, energiewirtschaftliche und ökologische Bauen mit den heute vorhandenen Technologien, Materialien und Maschinen. Heute ist der Neubau bis auf die Wohnungssanierung dominierend. Der kommunale Bestand verfällt immer mehr. Ein sofortiger Stopp dieses gefährlichen Trends ist notwendig.

Linie 7: Was würden Sie auf keinen Fall anders machen?

Die städtebauliche Lösung, jedoch mit einer anderen architektonischen Gestaltung und Vielfalt - eben unterschiedlichen Gesichtern der Häuser und Wohnkieze. Man lernt auch in meinem Alter noch heute viel dazu.

Linie 7: Was denken Sie über die Bezirksfusion?

Die Berliner Verfassung ist in einer Volksabstimmung am 22.Oktober 1995 bestätigt worden. Nun wurde sie 1998 ohne Volksabstimmung im Abschnitt 1 Artikel 4 durch das Abgeordnetenhaus außer Kraft gesetzt. Demokratie und Bürgernähe kann das wohl nicht sein. Was den Namen des zukünftigen Bezirkes angeht, meine ich, dass "Marzahn" der richtige ist. Hellersdorf gehörte ja bis zum 31.05.1986 zum Bezirk Marzahn. Die Fusion kostet viel Geld und vor allem Bürgernähe.

Linie 7: Als Online-Anbieter "müssen" wir natürlich diese Frage stellen: Beschäftigen Sie sich mit mit Computern? Bewegen Sie sich im Internet?

Seit 1966 war ich einer der Initiatoren für die Anwendung der Elektronischen Datenverarbeitung im Berliner Bauwesen. Das durch meine Initiative gebildete "Zentrum für Organisation und Datenverarbeitung" plante und kontrollierte u.a. den Bau des Stadtzentrums mit ca. 3,5 Mrd. Mark und den Aufbau von Marzahn mit über 10,0 Mrd. Mark Leistung.

Trotzdem, im Internet habe ich mich noch nicht bewegt, aber unser Förderverein für das Heimatmuseum Marzahn ist dank der Unterstützung von "Linie 7" im Internet.

Linie 7: Als Vorsitzender des neugegründeten Fördervereins für das Heimatmuseum Marzahn beschäftigen Sie sich mit der Geschichte unseres Bezirkes. Was ist dabei Ihr besonderes Anliegen?

Unser Förderverein für das Heimatmuseum Marzahn widmet sich der Aufgabe, in breiten Kreisen der Bevölkerung Interesse an der Geschichte Marzahns sowie den gegenwärtigen und zukünftigen Entwicklungen des Bezirkes zu wecken und zu fürdern. Weitere Mitglieder sind willkommen.


Linie 7: Nun noch einige "ganz persönliche" Fragen: Was ist Ihre Lieblingsspeise?

Eintöpfe als Hauptgericht - von Bohnen, Erbsen, Linsen bis zu Kohlrüben. Nachspeise: fast täglich Fruchteis. Das gilt für den häuslichen Herd.

Linie 7: Was ist Ihr Lieblingsrestaurant in Marzahn?

Das "Landhaus Marzahner Krug" in Alt-Marzahn 49 mit seinem Ambiente und der Vielzahl von Gerichten. Hier steht nach wie vor Aal in "allen Aggregatzuständen" an vorderster Stelle, danach ein Berliner Eisbein.


Linie 7: Wo verbringen Sie am liebsten Ihren Urlaub?

Im Ausland. Am liebsten in Großstädten, um ihre städtebauliche und architektonische Entwicklung kennenzulernen. San Francisco, Sidney und Singapur gehören zu den schönsten neuen Städten der Welt. London, Paris, Brüssel, Wien, Budapest u.a. sind die schönsten alten Städte Europas. London ist mit seinem Charme meine Lieblingsstadt - eine Stadt, wo ich leben könnte.


Linie 7: Herr Dr. Peters, wir hoffen trotzdem, daß Sie unserem Marzahn erhalten bleiben! Vielen Dank für das Interview! Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg in Ihrer Tätigkeit als Historiker und als Vorsitzender des Fördervereins!

 

Nachbemerkung:

Dr. Peters ist am 20.08.2013 verstorben.