Historische Stadtplanungen Teil 3

Städtebaulich-historische Dokumentation von Dr. Günter Peters


Neue Stadtgemeinde Berlin 1920

Mit dem Gesetz über die Bildung einer neuen Stadtgemeinde Berlin vom 27. April 1920 erfolgte der Zusammenschluss von 8 Städten, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirken. Damit entstand die damals nach New York und London drittgrößte Stadt der Welt mit 3,8 Millionen Einwohnern.

Für die Stadtgemeinde Berlin sollte auf der Grundlage der bisherigen Großstadtentwicklung und den ortsgesetzlichen Festlegungen in Form von Bauordnungen, Bauzonen- und Teilbebauungsplänen ein Generalbebauungsplan entstehen. Dazu gehörten der Bevölkerungsplan (fertiggestellt im November 1928), der Generalfreiflächenplan (fertiggestellt im Mörz 1929), der Nutzungsplan (Flächennutzung) und der Verkehrsstraßenplan (Personennahverkehr, Verkehrsmittel, Straßen, Bahnstrecken und Wasserwege). Der Generalbebauungsplan konnte nach Meinung des damaligen Stadtbaurates Dr.-Ing. Martin Wagner nicht mehr sein als ein Wunschbild, denn "...nicht das Fernste (etwa 75 Jahre), sondern nur das Naheste eignet sich für unabänderliche Beschlüsse".

Damals war eine Bevölkerungsentwicklung auf bis zu 10 Millionen Einwohner anvisiert. Im Gebiet der östlichen und nördlichen Ausfallstraßen wohnten bereits 1.276.000 Einwohner, weitere 1.782.000 sollten dort neu angesiedelt werden. Im Gebiet der heutigen drei Neubaubezirke war nach dem Bevölkerungsplan (auch Punkteplan genannt) mit einer möglichen Bevölkerungsentwicklung von 28.000 Einwohner im Jahre 1928 auf 366.000 Einwohner zu rechnen.

In der Zeit von 1920 bis 1933 erhöhte sich der Wohnungsbestand in Berlin um 221.815 Wohnungen. Allein im Jahre 1930 wurden 43.854 Neubauwohnungen fertiggestellt, eine Leistung, die bis heute noch nicht wieder erreicht worden ist. 93,4% aller neu gebauten Wohnungen entstanden in den neuen Stadtgebieten, darunter 26.802 Neubauwohnungen in Lichtenberg und Weißensee. Diese Entwicklung führte auch zu neuen Baumethoden. So wurden bereits 1925/1926 die ersten Plattenbauten in Friedrichsfelde errichtet.

Im einzelnen wurde die mögliche Bevölkerungsentwicklung im Jahre 1928 wie folgt ausgewiesen:

 

Entwicklungen im heutigen Gebiet des Bezirkes Marzahn:

Ortsbezeichnungvorh.Einw.1928mögl.Einwohner
Biesdorf-Süd1000 EW48000 EW
Biesdorf-Nord6000 EW38000 EW
Marzahn1000 EW29000 EW
gesamt8000 EW115000 EW

 

Entwicklungen im heutigen Gebiet des Bezirkes Hohenschönhausen:

Ortsbezeichnungvorh.Einw.1928mögl.Einwohner
Hohenschönhausen2000 EW44000 EW
Wartenberg1000 EW26000 EW
Malchow1000 EW19000 EW
Falkenberg1000 EW6000 EW
gesamt5000 EW95000 EW

 

Entwicklungen im heutigen Gebiet des Bezirkes Hellersdorf:

Ortsbezeichnungvorh.Einw.1928mögl.Einwohner
Mahlsdorf-Süd4000 EW61000 EW
Mahlsdorf-Nord4000 EW36000 EW
Kaulsdorf-Süd3000 EW29000 EW
Kaulsdorf-Nord4000 EW29000 EW
Hellersdorfkeine Ang.1000 EW
gesamt15000 EW156000 EW

Generalbauinspektor plant Reichshauptstadt

 

Architektur und Städtebau hatten im Dritten Reich eine ausgesprochen politische Funktion. Dabei war sie aber nicht nur ideologisch, sondern auch pragmatisch begründet und vor allem erfolgsorientiert. Was sich im Doppelgesicht dieser Architektur abzeichnet, ist der Gegensatz zwischen einer an Volkstümlichkeit orientierten Alltagsarchitektur und einer gigantomanischen Weltmachtarchitektur, deren Ewigkeitspathos Zeitlosigkeit und dauerhaften Machtanspruch zum Ausdruck bringen sollte.

Diese ästhetisch-symbolische Funktion spielte in Albert Speers Generalbebauungsplan für die Neugestaltung der Reichshauptstadt vom 27.Januar 1938 eine herausragende Rolle. Die Geometrie der Radial- und Ringstraßen, die Gleichfürmigkeit der Fassaden, die Geschlossenheit der horizontal-massigen Bebauung und die Monumentalität der großen Plätze und zentraler Hochbauten dienten der Machtdemonstration eines "entfesselten Empires". Berlin sollte die Hauptstadt eines "Großdeutschen Reiches" werden und "Germania" heißen.

Der Stadtgrundriß erhielt symbolhaft ein Achsenkreuz als "Rückgrat". Dieses Kreuz wurde vor dem Brandenburger Tor mit der Nord-Süd- und der Ost-West-Achse geplant. Der Autobahnring sollte künftig die neue Stadtgrenze bilden.

Wohnungsbauübersicht des GBI vom November 1941 (Ausschnitt)
(Landesarchiv Berlin, Kartenabt., Sign.: Pr.Br.Rep.107, GBI 225)

Der Generalbebauungsplan leitete aus dem zentralen Achsenkreuz, der Bebauung und der Begrünung Folgerungen für den Nordostraum ab. Die Nord-Süd-Achse sollte in nördliche Richtung bis Seeberg Altlandsberg ausgebaut und an den Autobahnring angebunden werden. Die Ostachse verlief entlang der heutigen Landsberger Allee und umging Marzahn, Hellersdorf und Hönow südlich. Entlang dieser Magistrale war der Bau einer U-Bahnlinie mit einem Bahnhof in der Nähe des Dorfes Marzahn geplant. Auf sechs Standorten mit einer Fläche von 4.643 Hektar sollten Wohnungen für 445.000 Einwohner gebaut werden.

 

Planung der Bevölkerungsentwicklung 1939:

StandortHektarEinwohner
Ostachse (Biesdorf/Marzahn)910140000 EW
Hönow (Hellersdorf/Seeberg)1140100000 EW
Ahrensfelde (bis Autobahn)92390000 EW
Malchow (Hohenschönhausen)17015000 EW
Lindenberg (bis Autobahn)108075000 EW
D.A.F.-Siedlung (Lichtenberg)42025000 EW
gesamt4643445000 EW

 

Ein neues Industriegebiet sollte nördlich der Landsberger Allee entstehen. Den ersten Industriebetrieb errichtete ab 1940 auf Befehl von Hermann Göring die Knorr-Tochter "Hasse &. Wrede" als "Nationalsozialistischen Musterbetrieb" für die Rüstungsindustrie. Biesdorf war in diesen Jahren ein beliebtes Besiedlungsgebiet. Bis in den Krieg hinein entstanden hier zahlreiche Siedlungen, so u.a. das "Getreideviertel" und die "Paradiessiedlung".

Teil 4 der Dokumentation