Historische Stadtplanungen Teil 4

Städtebaulich-historische Dokumentation von Dr. Günter Peters


Planungen zur Neugestaltung Berlins

Der Befehl Nr. 1 des sowjetischen Stadtkommandanten Generaloberst Nikolai E. Bersarin vom 25. April 1945 war auch die "Stunde Null" des Nachkriegsbauens in Berlin. Die Stadtplaner standen vor überaus schwierigen Bedingungen: Von den 1,5 Mio Wohnungen, die Berlin bei Kriegsbeginn noch besaß, waren ein Drittel zerstört. Mit der Ausarbeitung der ersten städtebaulichen Skizzen und Pläne begann auch die politische und fachliche Auseinandersetzung über die bauliche Zukunft Berlins.

Ohne die drängenden Tagesaufgaben zu vernachlässigen, wurde stets auch der Blick in die Zukunft gerichtet. Zu dem am 19. Mai 1945 gebildeten ersten Nachkriegsmagistrat unter Leitung des Oberbürgermeisters Dr.-Ing. Arthur Werner gehörte auch der parteilose Architekt Hans Scharoun. In Zusammenarbeit mit Gleichgesinnten stellte er seine Vorschläge für das künftige Berlin vom 22. August bis zum 15. Oktober 1946 im Weißen Saal des zerstörten Berliner Schlosses vor. Es war ein "Erster Bericht" des Planungskollektivs, dem Wils Ebert, Peter Friedrich, Ludmilla Herzenstein, Selman Selmanagic, Reinhold Lingner, Luise Seitz und Herbert Weinberger angehörten.

Der auf dieser Ausstellung als "Kollektivplan" bekannt gewordene Arbeitsbericht zielte auf einen radikalen Umbau der Stadt. Die durch grüngesäumte Schnellstraßen gegliederte, in Funktionen getrennte, den Ost-West-Verlauf der Spree folgende Stadtlandschaft sollte es ermöglichen, die überkommenen Strukturen Berlins zu verändern.

Der "Zehlendorfer Plan" von Walter Moest, der ebenfalls 1946 vorgestellt wurde, befaßte sich vor allem mit der Aufgabe, das Verkehrsnetz in Ordnung zu bringen und Voraussetzungen für eine neue Standortwahl zu schaffen. Im Gegensatz zu den radikalen Vorstellungen des Planungskollektivs setzte dieser Plan auf die bestehenden Strukturen und stellte die Sanierung Berlins in den Mittelpunkt des Wiederaufbaus. Im Sommer 1946 legte auch Max Taut unter dem Titel "Berlin baut auf" seine Vorstellungen zum Umbau Berlins in eine Gartenstadt vor. Ebenso wie die Ideen des Kollektivplanes scheiterten die Vorschläge Tauts an ihrer Radikalität und ihren utopischen Zielsetzungen. Der "Zehlendorfer Plan" fand im Westteil Berlins in Gestalt des "Bonatz-Planes" eine Fortführung.

In der Viermächtestadt Berlin, mit ihren drei westlichen Sektoren einerseits und dem östlichen Sektor andererseits, verlief die Scheidelinie zwischen den beiden Blocksystemen unter Führung der Weltmöchte USA und UdSSR. Nur auf diesem Hintergrund ist es zu verstehen, daß auch die Stadtplanung und das Bauen zum Spielball der jeweiligen politischen Interessen wurde. Mit der kommunalpolitischen Spaltung Berlins wurden auch die Planungsarbeiten für den Neuaufbau getrennt. Den ersten städtebaulichen Riß durch Berlin gab es mit den "Generalaufbauplan" des Ostberliner Magistrats vom Juli 1949 und dem "Flächennutzungsplan 50" des Westberliner Senats.

Beide Teile gingen nun ihre eigenen Wege. Diese geschichtliche Phase von über vierzig Jahren hatte, insbesondere nach dem Mauerbau 1961, tiefwirkende Konsequenzen für die städtebauliche Entwicklung beider Stadthälften Berlins bis zur Wiedervereinigung Deutschlands am 3. Oktober 1990.

Generalbebauungsplan 1968

 

Der Generalbebauungs- und Generalverkehrsplan 1968 für die Hauptstadt der DDR, der die städtebauliche Entwicklung bis 1980 vorzeichnete, orientierte auf die Umgestaltung und den Neubau im kompakten Stadtgebiet Ost-Berlins. Danach sollte die Bevölkerung auf 1,2 Millionen Einwohner anwachsen. Schwerpunkt waren der umfassende Aufbau des Stadtzentrums, der Neubau des Industriegebietes Nordost und der Ausbau des ?stlichen und südlichen Hauptstraßennetzes. Umfangreiche Bauten der Stadttechnik zur Ver- und Entsorgung waren geplant.

Plan der Flächennutzung bis 1980 (Ausschnitt)
(Forschungsstelle Baugeschichte Berlin)

Im Generalbebauungs- und Generalverkehrsplan 1968 wurde mit den Plänen der Flächennutzung, der Grün- und Freiflächen, des öffentlichen Nahverkehrs und des Straßenhauptnetzes erstmals die Stadterweiterung im Nordostraum mit dem Industriegebiet Lichtenberg-Nordost ausgewiesen. Der Bau von Wohngebieten war bis 1980 nicht vorgesehen.

Das Industriegebiet wurde auf einer Fläche von 474 Hektar neu erschlossen. Es diente der Ansiedlung von Betrieben der Elektrotechnik/Elektronik auf ca. 100 Hektar, eines Heizkraftwerkes und anderer Versorgungseinrichtungen auf 31 Hektar, des Bauwesens und des Verkehrs auf 124 Hektar, Einrichtungen des Großhandels auf 40 Hektar sowie von weiteren Industriebetrieben und Einrichtungen. Bis 1985 entstanden in den neuen Industriegebieten, die heute zu Lichtenberg, Marzahn und Hohenschönhausen gehören, ca. 58.000 Arbeitsplätze.

Von 1968 bis 1975 erfolgte die verkehrsmäßige und stadttechnische Erschließung des Industriegebietes mit dem Ausbau der heutigen Bundesstraßen 1/5, dem Autobahnzubringer Nord, der Rhinstraße und der heutigen Allee der Kosmonauten.

Das Klärwerk Falkenberg wurde am 10. Januar 1968 (1. Ausbaustufe) und das Heizkraftwerk Lichtenberg Nordost am 30. Dezember 1972 (1. Ausbaustufe) in Betrieb genommen. Auch die Deutsche Reichsbahn schuf mit dem Biesdorfer Kreuz und dem Rangierbahnhof Wuhlheide verkehrsgünstigere Anschlüsse. Der geplante Neubau der U-Bahnlinien Alexanderplatz-Weißensee- Malchow und einer Abzweigung in das Industriegebiet Lichtenberg Nordost/Springpfuhl wurde nicht ausgeführt. Trotzdem entstanden günstige Voraussetzungen für künftige Stadterweiterungen im Nordosten von Berlin.

In den sechziger Jahren war zentrales Thema der städtebaulichen Entwicklung die Forderung nach der baulichen Manifestation politischer Inhalte der sozialistischen Gesellschaft durch die Errichtung ausdrucksstarker Ensembles in den Zentren der Städte. Mit dem 1971 beschlossenen Wohnungsbauprogramms vollzog sich im städtebaulichen Bereich ein fast vollständiger übergang zur Anlage extensiver Großwohngebiete auf der Basis der industriellen Plattenbauweise. Anfang der siebziger Jahre begannen deshalb im Nordostraum Standortuntersuchungen für den Bau von Wohnungen.

Hier gab es viele unbebaute Flächen, die durch den "gut dimensionierten stadttechnischen Aufschluss" von Lichtenberg-Nordost die Möglichkeit boten, neue große Standorte für den Wohnungsneubau einzuordnen, begonnen mit Biesdorf Marzahn bis hin zu Hellersdorf.

Wohnungsbau und Stadterweiterung

Die nord?stliche Stadterweiterung mit neuen Wohngebieten begann vor dem offiziellen Beschluss über das "Wohnungsbauprogramm der DDR für die Jahre 1976 bis 1990". Die Entscheidungen für die Wohnungsbaustandorte 1976 bis 1980 waren am 21. Mörz 1973 für die Wohnkomplexe Fennpfuhl (heute Bezirk Lichtenberg), Biesdorf-Nord (heute Bezirk Marzahn) sowie Hohenschönhausen I und II ( heute Bezirk Hohenschönhausen) getroffen worden. Im heutigen Gebiet des Bezirkes Hellersdorf war 1973 noch keine Wohnbebauung geplant. Der Berliner Nordosten bot in vielerlei Hinsicht günstige Bedingungen für den Wohnungsbau. Der fast ausschließliche Bau auf der "grünen Wiese" lie? einen Wohnungszugewinn von rund 98% erwarten. Außerdem entstand mit Lichtenberg-Nordost ein Industriegebiet mit über 50.000 Arbeitsplätzen in unmittelbarer Nähe des geplanten Wohnungsstandortes.

Mit der Bestätigung des Bebauungsplanes für Biesdorf/Marzahn im SED-Politbüro am 25. Februar 1975 war auch die Entscheidung zur Bildung eines neuen Stadtbezirkes gefallen, der dort bereits als "9. Stadtbezirk" bezeichnet ist. Geplant war ursprünglich der Bau von 35.000 neuen Wohnungen in drei Wohngebieten. 1980 erhöhte sich diese Zielstellung um 25.000 Neubauwohnungen in vier zusätzlichen Wohngebieten.

 

Teil 5 der Dokumentation